Der Leiter des Mathematikums Gießen war am Mittwoch auf Einladung des Fördervereins Badefreu(n)de gleich dreimal im Rahmen der Veranstaltungsreihe „BäderKultur – ein Bad taucht ab in Kunst & Klang“ zu Gast in Alsfeld. Und wer die Vorträge erlebte, verstand schnell, warum Beutelspacher seit Jahrzehnten als einer der besten Vermittler seines Fachs gilt: Er erklärt Mathematik nicht – er lässt sie entstehen.
Den Auftakt machten am Vormittag die Schülerinnen und Schüler der sechsten und siebten Klassen des Albert-Schweitzer-Gymnasiums. Unter dem Titel „Würfel, Tetraeder & Co.“ wurde aus Geometrie kein trockenes Unterrichtsfach, sondern ein Experimentierfeld. Geschnitten, gefaltet, gezählt und gestaunt wurde gleichermaßen.
Mit verblüffender Leichtigkeit verwandelte Beutelspacher Papiermodelle in dreidimensionale Körper, ließ aus einfachen Kreisen Rechtecke, Handschellen und sogar Kopfhörer entstehen und zeigte, wie aus einer Blütenform nahezu spielerisch ein fußballähnlicher Körper wird. Gummibänder wurden für kleine Flugversuche eingesetzt, Popcorn half dabei, Volumen zu veranschaulichen, und anhand gezeichneter Linien und ihrer Schnittpunkte machte der Mathematiker die Eleganz des Dezimalsystems sichtbar – multiplizieren, ohne zu rechnen, sondern schlicht durch zählen.
Immer wieder schlug er Brücken in die Lebenswelt seiner Zuhörer. Die aktuelle Fußball-Weltmeisterschaft lieferte ebenso Anknüpfungspunkte wie alltägliche Gegenstände, die plötzlich eine mathematische Dimension erhielten. Dass die Schülerinnen und Schüler bereitwillig miträtselten, eigene Lösungen suchten und Fragen stellten, lag nicht zuletzt an Beutelspachers außergewöhnlichem didaktischem Gespür, komplexe Sachverhalte altersgerecht und mit feinem Humor zu vermitteln.
„Heute wird niemand ins kalte Wasser geworfen – höchstens in spannende Gedanken“, hatte die Vorsitzende des Fördervereins Badefreu(n)de, Anja Kierblewski, die jungen Gäste bei ihrer Begrüßung augenzwinkernd beruhigt. Treffender hätte sich der Vormittag kaum zusammenfassen lassen.
Am Abend wurde aus dem leeren Hallenbadbecken ein Hörsaal. Passend eröffnet vom Klang eines Schulgongs, lud Professor Beutelspacher die erwachsenen Besucher zu einer Reise durch mehr als zwei Jahrtausende Mathematikgeschichte ein. Unter dem Titel „Was denken sich Mathematiker, wenn sie von platonischen Körpern sprechen?“ führte er sein Publikum von den Überlegungen Platons über Euklid bis hin zu Johannes Kepler und Carl Friedrich Gauß.
Besonders Kepler hatte es dem Referenten angetan. Nicht ohne Selbstironie bemerkte er zwischenzeitlich, die Veranstaltung entwickle sich fast zu einer „Kepler-Vorlesung“. Mit plastischen Modellen und digitalen Projektionen, die an die Wände des Hallenbadbeckens geworfen wurden, erläuterte er die Eigenschaften und Zusammenhänge von Würfel, Tetraeder, Oktaeder, Dodekaeder und Ikosaeder – und machte dabei deutlich, warum diese Körper die Menschheit seit über 2.300 Jahren faszinieren.
Die Begeisterung des Professors für sein Fach war in jedem Satz spürbar. Und sie blieb nicht auf der Bühne. Aus konzentriertem Zuhören entwickelte sich im Laufe des Abends ein lebendiger Austausch, bei dem das Publikum eigene Gedanken einbrachte und schließlich sogar die Frage diskutierte, welchen Einfluss Künstliche Intelligenz künftig auf die mathematische Forschung haben könnte. Können Algorithmen neue mathematische Wahrheiten entdecken? Oder bleibt der kreative Geistesblitz dem Menschen vorbehalten? Es waren genau jene Fragen, die zeigen, dass Mathematik keine abgeschlossene Wissenschaft ist, sondern ein fortwährender Prozess des Denkens und Entdeckens.
Fast nebenbei schrieb der Mittwoch noch eine kleine Premiere: Zum ersten Mal unterrichtete Professor Beutelspacher in einem Schwimmbad – genauer gesagt im leergepumpten Hallenbadbecken des Alsfelder Erlenbades. Ein ungewöhnlicher Ort, der sich jedoch als erstaunlich passendes Klassenzimmer erwies und auch den Referenten selbst sichtlich begeisterte.
Zum Abschluss dankte Anja Kierblewski dem Gast aus Gießen für drei ebenso unterhaltsame wie inspirierende Veranstaltungen. Da das Publikum inzwischen erfahren hatte, dass Beutelspacher ein bekennender Freund süßer Leckereien ist und Popcorn oder Marshmallows gerne als mathematische Anschauungsobjekte nutzt, überreichte sie ihm für die Heimfahrt mit der Hessischen Landesbahn eine Auswahl feiner Süßspeisen des Erlenbad-Gastronomen.
Es war ein charmantes Ende eines Tages, an dem Zahlen zu Geschichten wurden, geometrische Körper plötzlich Leben bekamen und Mathematik genau das war, was sie im besten Fall sein kann: überraschend, spielerisch und voller Schönheit.







