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Wenn König Drosselbart tindert und Rotkäppchen baden geht

Bei der „Märchenhaften Lesung“ im Erlenbad ließen Johanna Mildner und Jenny Wagner bekannte Märchenfiguren mit viel Spielfreude, Witz und neuen Perspektiven lebendig werden

ALSFELD (kiri). Meerjungfrauen waren im Alsfelder Erlenbad ja schon öfter zu Gast. Rotkäppchen hingegen? Fehlanzeige. Auch Hans im Glück, die Regentrude, die Bremer Stadtmusikanten und erst recht König Drosselbart hatten sich bislang eher nicht auf den Weg ins Schwimmbad gemacht. Am Mittwochabend wurde diese Lücke in der Erlenbad-Geschichte gründlich geschlossen: Bei der „Märchenhaften Lesung“ der BäderKultur holten Johanna Mildner und Jenny Wagner gleich eine ganze Schar märchenhafter Gestalten auf die Bühne – inklusive tierischer Nebendarsteller, heiratsunwilliger Prinzessinnen, eines Weihnachtsmannes, eines Lebkuchenmännchens und einer Meerhexe.

Fünf Märchen aus der Feder der beiden ambitionierten Schauspielerinnen und Autorinnen standen im Mittelpunkt des Abends. Geschichten, die sich an bekannten Vorlagen der Brüder Grimm, Hans Christian Andersens oder Theodor Storms orientieren, diese aber in die Theaterwelt der Alsfelder Marktspielgruppe übersetzen. Mildner und Wagner lasen dabei nicht einfach vor. Sie spielten. Mit Dialekten, wechselnden Stimmfarben, präzisem Timing und einer Mimik, die mitunter schon ausreichte, um eine ganze Figur entstehen zu lassen.

Für das Publikum sichtbar wurde der Rollenwechsel meist durch eine denkbar einfache Form der Kostümierung: eine andere Kopfbedeckung, und schon saß da nicht mehr dieselbe Figur. Was leicht klingt, entwickelte sich spätestens bei den Bremer Stadtmusikanten zu einer geradezu sportlichen Disziplin. Denn wenn zwei Schauspielerinnen innerhalb kürzester Zeit Esel, Hund, Katze und Hahn nicht nur sprechen, sondern auch noch deren charakteristische Tierlaute und Eigenheiten unterbringen müssen, geraten Hutwechsel beinahe zur choreografischen Höchstleistung.

Überhaupt ging es an diesem Abend nicht nur darum, Märchen zu erzählen. Mildner und Wagner gewährten auch einen Blick hinter die Kulissen und erklärten, was geschieht, wenn jahrhundertealte Stoffe auf eine heutige Theaterbühne treffen.

Denn Märchen waren ursprünglich weit mehr als hübsche Gutenachtgeschichten. Sie transportierten Regeln und Moralvorstellungen, warnten vor Gefahren, erzählten davon, welches Verhalten belohnt und welches bestraft wird. Nicht selten war ihr Erziehungsauftrag deutlich – und ebenso deutlich waren die Konsequenzen für jene, die sich nicht daran hielten. In modernen Bearbeitungen stellt sich deshalb die Frage neu: Welche Botschaften tragen diese Geschichten heute noch? Welche brauchen eine andere Perspektive? Und wie erzählt man sie so, dass sie Kinder und Erwachsene gleichermaßen erreichen?

Für Mildner und Wagner gehört dazu vor allem eines: Ihre Märchen sollen gut ausgehen. Niemand soll nach einer Wintermärchen-Vorstellung mit einem unguten Gefühl nach Hause gehen.

Doch selbst das schönste Happy End muss sich in der Praxis des Theaterbetriebs behaupten. Ein Wintermärchen ist schließlich nicht nur Literatur, sondern auch minutiöse Logistik. Das Stück muss so lang sein, dass Schulklassen nach der Vormittagsvorstellung noch ihre Busse bekommen. Die Zahl der Rollen muss zu den verfügbaren Schauspielern passen. Doppelbesetzungen sind möglich – aber nur, wenn der Kostümwechsel hinter der Bühne überhaupt zu schaffen ist. Und während vorne gespielt wird, muss hinten womöglich bereits das nächste Bühnenbild vorbereitet werden. So entsteht ein Märchen auch aus ganz handfesten Fragen.

„Nach dem Wintermärchen ist vor dem Wintermärchen“, erzählten Mildner und Wagner. Gerade einmal Januar und Februar gönnen sie sich Pause. Bereits im März beginnt die Arbeit am nächsten Stück. Zunächst entsteht ein Konzept, daraus das vollständige Stück und schließlich die eigentliche Theaterfassung mit Dialogen und Regieanweisungen. Wo immer es passt, fließen dabei Passagen und Formulierungen aus den ursprünglichen Märchen in die neue Fassung ein.

Und manchmal entscheidet sich die Wahl eines Stückes eben nicht allein am Schreibtisch. Da gibt es eine Kostümbildnerin, die endlich einmal wieder etwas Schönes mit Rüschen nähen möchte. Eine Bühnenbildnerin, die nach Jahren voller Märchenwälder möglicherweise beim nächsten Baum dezent die Pinsel niederlegen würde. Schauspieler, die endlich einmal richtig böse sein möchten. Oder solche, die durchaus dankbar wären, am Ende eines Stückes nicht verheiratet zu werden. Märchenplanung ist eben auch Personalplanung.

Und manchmal Fundusplanung. Als in Alsfeld die Stadtrechte gefeiert wurden und ohnehin bereits 89 Kostüme entworfen und geschneidert werden mussten, lag der Gedanke nahe, wenigstens beim Wintermärchen auf vorhandene Schätze zurückzugreifen. So entstand eine Geschichte rund um Hans im Glück, der sich auf die Suche nach Vanillekipferln, Stollen und Lebkuchen machte – und dabei unter anderem auf Rotkäppchen und den bösen Wolf traf.

Dass die bekannten Geschichten bei Mildner und Wagner gern einen Schritt ins Heute machen, zeigte sich auch bei König Drosselbart. Die Vorstellung möglicher Heiratskandidaten für die Prinzessin erinnerte verdächtig an eine mittelalterliche Version von Tinder. Häkeln? Briefmarkensammeln? Vögel beobachten? Ein Blick auf die Eigenschaften des Kandidaten – und weitergewischt. Nur dass der Finger hier durch eine entsprechende Reaktion der Prinzessin ersetzt wurde.

Hinter dem Humor blieb jedoch der Blick auf das eigentliche Thema erhalten: Eine junge Frau, über deren Heirat andere bestimmen wollen. Zwangsheirat, Selbstbestimmung, Abhängigkeit – Themen, die Märchenstoffe plötzlich erstaunlich wenig verstaubt erscheinen lassen.

Auch die Bremer Stadtmusikanten bekamen an diesem Abend eine zweite Ebene. Hinter Esel, Hund, Katze und Hahn steckt schließlich eine unbequeme Frage: Was passiert mit denen, die alt werden, nicht mehr funktionieren, nicht mehr gebraucht werden? Werden sie aussortiert – oder finden sie einen neuen Platz? Gerade solche Gedanken zeigen, warum alte Märchen auch heute noch Stoff für neue Inszenierungen liefern.

Kaum ein Stück machte das so deutlich wie „Die Regentrude“. Trockenheit, Wassermangel, ein Feuermann, der sein Unwesen treibt, und eine Regentrude, die tief unter der Erde schläft und dringend geweckt werden muss: Ein Stoff, der angesichts heißer Sommer und knapper werdender Wasserressourcen beinahe erschreckend aktuell wirkt.

Dabei ist ausgerechnet diese Inszenierung nie vor Publikum gespielt worden. Corona machte den damaligen Wintermärchen-Plänen einen Strich durch die Rechnung. Besonders schade war das auch wegen der Musik: Wie alle Wintermärchen war „Die Regentrude“ von Kompositionen Dirk Lindemanns begleitet. Seine Stücke hatten Mildner und Wagner an diesem Abend mitgebracht und ließen sie immer wieder zwischen den Szenen erklingen. So bekam die Lesung nicht nur Stimme und Spiel, sondern auch ihren eigenen Klang.

Unterstützung bekamen Mildner und Wagner an diesem Abend von drei jungen Schauspielerinnen und Schauspielern, die schon seit Jahren in der Marktspielgruppe aktiv sind: Johann und Frieda Kraus sowie Timea Kneip. Bei „König Drosselbart“ ergänzten sie das Ensemble – wobei zumindest eine geplante Vermählung auf energischen Widerstand stieß. Timea Kneip machte unmissverständlich deutlich, was sie davon hielt, an diesem Abend verheiratet zu werden.

Dass die drei längst mehr als bloßer Nachwuchs sind, zeigte sich spätestens beim kleinen Höhepunkt zum Schluss: einer ersten öffentlichen Leseprobe des kommenden Wintermärchens „Das Mädchen aus dem Meer“.

Bislang waren die frisch geschriebenen Texte weitgehend unter Verschluss geblieben. Der letzte Feinschliff fehlte noch, doch für die BäderKultur machten Mildner und Wagner eine Ausnahme. Frieda und Timea bekamen die Rollen des Meermädchens Lori und der Meerhexe Udine in die Hand – und mussten praktisch aus dem Stand zeigen, wie viel Figur bereits in ein paar frisch gedruckten Seiten stecken kann. Sie lasen nicht einfach vom Blatt. Sie gaben den Figuren Stimme, Haltung und Charakter – und lieferten damit einen ersten Vorgeschmack auf das, was im kommenden Winter auf die Bühne kommen soll.

Mit Disneys Arielle hat das übrigens wenig zu tun. Mildner und Wagner orientieren sich am Originalmärchen Hans Christian Andersens – und wer dieses kennt, weiß, dass dort nicht alles glitzert, singt und selbstverständlich glücklich endet. Wobei Letzteres bei Mildner und Wagner bekanntlich noch verhandelbar ist.

Denn eines hatte dieser Abend gezeigt: Märchen sind bei ihnen kein museales Kulturgut, das vorsichtig abgestaubt und möglichst unverändert weitererzählt wird. Sie dürfen lustig sein und nachdenklich, dürfen Dialekt sprechen, gesellschaftliche Fragen stellen, Tinder erfinden, bevor Tinder überhaupt erfunden wurde, oder einen Hans auf die Suche nach Weihnachtsgebäck schicken.

Und manchmal brauchen sie nicht einmal eine große Bühne. Ein leeres Hallenbadbecken, zwei Schauspielerinnen, ein paar Hüte, Musik – und schon ziehen Rotkäppchen, Regentrude, Drosselbart und eine komplette tierische Reisegesellschaft ins Erlenbad ein. Märchenhafter hätte ein Mittwochabend im Schwimmbad kaum sein können.

Text / Fotos: Anja Kierblewski



 

 

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