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Vom vorsichtigen „Haha“ zum echten Lachanfall

Premiere: Lachyoga mit Sophia Reis auf dem Grunde des Hallenbadbeckens

Manche gehen zum Lachen in den Keller. In Alsfeld ging es dafür am Dienstagabend noch ein Stück tiefer: auf den Grund des über den Sommer leergepumpten Hallenbadbeckens. Dort lud der Förderverein Badefreunde im Rahmen der BäderKultur zu „Yoga in the Deep: Lach-Yoga“ ein – und viele Neugierige kamen, für die Lach-Yoga bis dahin völliges Neuland war.

Das merkte man anfangs auch. Einander anschauen und ohne erkennbaren Grund einfach loslachen? Das erste „Ha-ha-ha“ fühlte sich für manchen noch etwas bemüht und, nun ja, ziemlich albern an. Aber genau da setzte Lach-Yoga an: Atem, Bewegung, spielerische Begegnungen und zunächst bewusstes Lachen kamen zusammen. Einen guten Witz, eine Pointe oder überhaupt einen Grund brauchte es dafür nicht.

Durch den Abend führte Sophia Reis von „lila-lebenswert – Lifecoaching & Lachyoga“. Und sie machte schnell klar: Hier musste niemand besonders lustig sein und erst recht nichts „können“. Mit viel Ungezwungenheit nahm sie der Runde die anfängliche Scheu und setzte immer neue Lachimpulse.

Das Konzept dahinter ist so schlicht wie ungewöhnlich. Entwickelt wurde Lach-Yoga 1995 vom indischen Arzt Dr. Madan Kataria. Es verbindet Lachübungen mit tiefer Yoga-Atmung und geht von der Erkenntnis aus, dass der Körper auch auf bewusst erzeugtes Lachen reagiert: Die Atmung wird intensiver, Kreislauf und Stoffwechsel kommen in Schwung, Brust und Bauch arbeiten mit, Anspannung kann nachlassen. Und wer schon einmal so richtig Tränen gelacht hat, weiß ohnehin, dass Lachen durchaus körperliche Arbeit sein kann.

Kinder, erklärte Reis, lachten bis zu 400 Mal am Tag, Erwachsene durchschnittlich nur noch acht bis zwölf Mal. Irgendwo zwischen Terminkalender, Verpflichtungen und der seriösen Miene des Erwachsenseins scheint das Lachen also ein wenig abhandenzukommen. Beim Lach-Yoga wird es ganz bewusst wieder hervorgeholt.

Zunächst im Rhythmus: „Ho Ho – HaHaHa“, dazu Klatschen mit gespreizten Händen, bei dem zugleich die Akupressurpunkte der Handflächen stimuliert werden. Dann Atemübungen: tief einatmen, den Körper aufrichten, den Atem kurz halten und langsam wieder ausströmen lassen. Dazu kamen kleine Gesten, die schon für sich genommen etwas mit der Stimmung machten: „Sehr gut, sehr gut – Yeah!“, begleitet von Schulterklopfen und hochgereckten Daumen.

Und dann passierte das, was sich nur schwer verordnen lässt: Aus einem vorsichtigen Kichern wurde herzhaftes Lachen. Ein Blick zum Gegenüber reichte plötzlich für den nächsten Lachanfall, das Lachen der anderen wurde ansteckend – und irgendwann war offenbar vergessen, dass das Ganze wenige Minuten zuvor noch ein bisschen merkwürdig erschienen war.

Spätestens beim Spaziergang durch den imaginären Zoo war dafür ohnehin kaum noch Platz. Eine Gorilla-Familie trommelte sich lachend auf die Brust, Elefanten liefen mit ausgestreckten Armen als Rüssel durch die Gruppe, Löwen mischten sich ein und bei der Lachmöwe schwangen die Arme durch die Luft. Dazu wurden unterschiedliche Lachlaute ausprobiert: das zarte „HaHa“ des Engels, das etwas fiesere „HeHe“ der Hexe, das kichernde „HiHi“ des Kindes, das tiefe „HoHo“ des Weihnachtsmanns oder ein verwegenes „HuHu“.

Fast nebenbei kam dabei der ganze Körper in Bewegung. Hände wurden geklatscht, Finger gedreht, Arme abgeklopft, Schultern beklopft, der Oberkörper beugte sich beim Lachen nach vorn. Nichts davon wirkte wie Sport im klassischen Sinne – und trotzdem arbeiteten Atem, Bauch, Brust und Kreislauf kräftig mit.

Dass das Ganze nicht nur aus Heiterkeitsübungen bestand, zeigte sich auch beim spielerischen Umgang mit dem, was im Alltag weniger lustig ist. Probleme wurden symbolisch kleingelacht, weggeworfen oder zwischen den Händen zerrieben. Negative Gedanken bekamen mit imaginärer „Hirnseide“ eine kleine Reinigung verpasst. Man lachte über sich selbst, umarmte sich, klopfte sich anerkennend auf die Schulter.

Und auch für kommende schlechte Tage gab Reis etwas mit auf den Weg: die imaginäre Zehn-Sekunden-Lachpille in der Hosentasche oder das Rote-Ampel-Lachen – zehn Sekunden Heiterkeit statt zehn Sekunden Ärger. Besonders beliebt war der Lachcocktail, den sich die Runde aus verschiedenen Lachlauten zusammenmixte: ein Schuss „HaHa“, ein bisschen „HiHi“, dazu ein kräftiges „Ooooooh“, imaginären Deckel drauf, schütteln – und trinken.

Spätestens da war von anfänglicher Zurückhaltung wenig übrig.

Bemerkenswert war dabei auch die Mischung der Gruppe. Kinder waren ebenso dabei wie ältere Teilnehmerinnen bis ins hohe Alter, Frauen ebenso wie Männer – deren tiefe Stimmen dem vielstimmigen Lachen noch einmal einen ganz eigenen Klang gaben. Fast 40 Menschen hatten sich auf etwas eingelassen, das von außen womöglich seltsam aussehen mochte, mittendrin aber erstaunlich schnell selbstverständlich wurde.

Reis fasste die verbindende Seite des Lachens mit einem Satz zusammen, der an diesem Abend hängen blieb: „Wer miteinander lacht, kann sich nicht bekriegen.“ Gerade in einer Zeit, in der das Gegeneinander oft lauter erscheint als das Miteinander, bekam dieser spielerische Abend damit ganz nebenbei einen ernsteren Unterton.

Zum Schluss kehrte Ruhe ein. Nach all dem HaHa, HoHo und HiHi führte Reis die Gruppe durch eine Meditation. Die Muskeln durften loslassen, die Atmung wurde ruhig, Stimmen verstummten. Ein erstaunlicher Gegensatz zu den Gorillas, Elefanten und Lachmöwen wenige Minuten zuvor – und gerade deshalb ein stimmiger Abschluss.

Es wurde geatmet, bewegt, geklatscht und gelacht, bis hier und da tatsächlich die Tränen kamen. Und aus der anfänglichen Frage „Was mache ich hier eigentlich?“ hätte am Ende gut ein „Warum macht man das eigentlich nicht öfter?“ werden können.

So kam die Runde schließlich zwar ganz ohne Tauchgang, aber merklich gelöster wieder vom Beckengrund nach oben.

Die Alltagssorgen, Termine und Verpflichtungen waren natürlich nicht verschwunden. Sie warteten vermutlich noch dort, wo man sie für eine Weile abgelegt hatte. Oben am Beckenrand. Aber vielleicht waren sie ein kleines bisschen leichter geworden. Oder man selbst.

Text/Foto: Anja Kierblewski



 

 

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