ALSFELD (kiri). Perfektion hat bei Sabine Euler schlechte Karten. Zum Glück. Denn wären ihre Figuren makellos, vernünftig und stets Herr der Lage, gäbe es weder „Rissgeschicke“ noch die vielen Lacher, die die Autorin bei ihrer Matinee im Rahmen der BäderKultur-Reihe des Fördervereins Badefreunde am Sonntagvormittag auslöste. Stattdessen bevölkern ihre Geschichten Menschen, denen das Leben regelmäßig kleine und größere Stolpersteine vor die Füße wirft – und die gerade deshalb so vertraut wirken.
Dabei erscheint Euler selbst erstaunlich gelassen. Ruhig, authentisch, mit beiden Beinen fest im Leben stehend, nahm sie auf der Bühne Platz – der sommerlichen Temperaturen wegen barfuß – und bekannte gleich zu Beginn, wie aufgeregt sie sei. Umso dankbarer war sie für den ersten Versprecher in der Anmoderation von Anja Kierblewski. Wenn schon die Begrüßung einen kleinen Patzer bereithält, fühlt sich eine Autorin, deren Geschichten von den Unwägbarkeiten des Alltags leben, schließlich sofort zuhause.
Dabei hätte es für Nervosität kaum einen Grund gegeben. Schon nach wenigen Minuten hatte Euler ihr Publikum auf ihrer Seite. Nicht mit großen Gesten oder lautem Klamauk, sondern mit jener Mischung aus Beobachtungsgabe, Selbstironie und trockenem Humor, die ihre Geschichten so lebendig macht.
Zur Einladung nach Alsfeld kam es über einen alten Kontakt. Euler und die Vorsitzende des Fördervereins Badefreunde, Anja Kierblewski, kennen sich noch aus gemeinsamen Zeiten im Theaterprojekt des ehemaligen Lehrers E. O. Müller. Über soziale Medien fanden sie Jahrzehnte später wieder zueinander. Zwei Jahre dauerte es schließlich, bis die Autorin einer Einladung zur BäderKultur folgte. Dass ihre Bühne dabei ausgerechnet in einem vier Meter tiefen Hallenbadbecken stand, das im Sommer trockenliegt, passte am Ende wunderbar zu einem Vormittag voller ungewöhnlicher Geschichten.
Der erste Teil der Lesung gehörte den „Rissgeschicken“, den „panntastischen Frauengeschichten“ aus ihrem gleichnamigen Debüt. Dabei durfte das Publikum mitbestimmen. Die Zuhörer wählten selbst, welche Figuren als Nächstes auftreten sollten. Alex, Esra, Marina oder Iga – nur Hanni hielt Euler zunächst zurück. Die sei für den Anfang einfach zu brutal.
Also begann der Vormittag vergleichsweise harmlos. Mit Alex etwa, deren Kind überzeugt ist, die Mutter habe im Badezimmer Geräusche gemacht, die man lieber nicht näher erläutert. Dabei müsse man lediglich das Fenster öffnen, um festzustellen, dass die Menschheit eine erstaunliche Vielfalt an Lautäußerungen hervorbringt – beim Duschen, Singen oder in anderen Momenten, die sich einer öffentlichen Kommentierung entziehen.
Nicht weniger vertraut wirkte Esras Manteltasche. Jenes schwarze Loch der Textilgeschichte, das Autoschlüssel, Geldbörsen und jeden Rest von Ordnung verschluckt. Die Suche nach dem verlorenen Schlüssel entwickelt sich bei Euler zu einer kriminalistischen Ermittlung, bei der letztlich ein Fremder mehr Spürsinn beweist als sämtliche Beteiligten.
Besonders viel Gelächter erntete ihr verstecktes Plädoyer für die Pille für den Mann. Der weigert sich jedoch hartnäckig, all jene Nebenwirkungen in Kauf zu nehmen, die Frauen seit Jahrzehnten als zumutbar gelten: Gewichtszunahme, Libidoverlust, Pickel, Depressionen, Thromboserisiko oder unerwünschter Haarwuchs. Also bleibt Marina nichts anderes übrig, als ihrem Partner die Empfängnisverhütung heimlich unter Kartoffelbrei, Frühlingsrollen oder Frikadellen zu mischen. Das Ergebnis ist ein gemütlicher, weichbrüstiger Mann mit frischer Lockenpracht und beachtlichem Hüftgold, der plötzlich deutlich mehr Freude am gemeinsamen Kuscheln auf dem Sofa entwickelt.
Dass die Geschichten nicht immer glimpflich enden müssen, deuteten Iga und Hanni bereits an. Iga schafft das Kunststück, beim Rückwärtsparken den Parkeinweiser zu überfahren, der offenbar im denkbar ungünstigsten Moment hinter ihrem Fahrzeug auftaucht. Und Hanni, einst Mobbingopfer ihrer Mitschüler und unfreiwilliges Sex-Objekt sportpädagogischer Aufmerksamkeit, wird dank eines Medizinballs zur gefeierten Musikerin. Ein Sportlehrer kann schließlich nur schwer unterrichten, wenn er tot ist.
Was Eulers Lesungen so unterhaltsam macht, sind dabei nicht allein die Pointen. Es ist der Weg dorthin. Ihre Wortakrobatik. Die beiläufig eingestreuten Bemerkungen. Die Fähigkeit, selbst aus alltäglichen Beobachtungen kleine Kabinettstückchen zu machen. Der Humor wirkt nie aufgesetzt. Er entsteht aus den Situationen selbst – und aus der erkennbaren Freude der Autorin am Erzählen.
Nach der Pause wurde der Ton etwas dunkler, ohne die Leichtigkeit zu verlieren. Unter dem Motto „Bei Nacht sind alle Mütter grau“ stellte Euler Geschichten vor, die irgendwo zwischen Krimi, Gesellschaftssatire und warmherziger Milieustudie angesiedelt sind. Brutale, zarte Frauengeschichten, wie sie selbst sagt.
Beispielsweise von Trude. Einsam, verwitwet, von allerlei Zipperlein geplagt und mit einem Arzt gesegnet, der ihr den Lebensabend im Schonwaschgang verordnet. Die Kinder sind aus dem Haus, Müdigkeit sei in ihrem Alter schließlich normal. Doch Trude hält wenig von verordnetem Rückzug. Als sie nachts Zeugin einer Straftat wird und mit ihren Beobachtungen zunächst nicht ernst genommen wird, erwacht ihr Kampfgeist. Aus der vermeintlich gebrechlichen Seniorin wird eine Frau mit Mission. Kurzerhand verbündet sie sich mit einer Jugendclique rund um Metzger Pluschkes halbstarke Tochter. Im Laufe der Geschichte gewinnt Trude nicht nur neue Verbündete, sondern auch neue Lebensfreude.
Nicht weniger skurril geht es bei Mascha zu. Alleinerziehend, ständig in Bewegung und beschäftigt mit einem frisch rollschuhbegeisterten Kind, während ihr neuer Freund den Tag bevorzugt in ihrem Bett verbringt. Bis er plötzlich am unteren Ende des Treppenhauses liegt. Tot. Mausetot. Niemand kennt ihn. Niemand vermisst ihn. Niemand weiß so recht, was er dort überhaupt zu suchen hatte. Wahrscheinlich über Rollschuhe gestolpert.
Und dann sind da noch die „Nachtschwestern“. Freundinnen, Lästerprofis und Meisterinnen der gepflegten Eitelkeit. Ihre WhatsApp-Gruppe dient als Schaltzentrale für Klatsch, Tratsch und soziale Feinjustierung. Bis ein verhängnisvoller Unfall die Dynamik verändert. Danach verlassen die Damen die Gruppe nach und nach. Selbstverständlich erst nach der Beerdigung. So viel Pietät muss sein.
Am Ende blieb vor allem der Eindruck eines außerordentlich sympathischen Auftritts. Sabine Euler drängt sich nicht in den Vordergrund. Sie inszeniert sich nicht. Sie erzählt. Mit feinem Gespür für Menschen, ihre Schwächen, ihre kleinen Katastrophen und ihre oft ebenso komischen wie liebenswerten Versuche, damit zurechtzukommen.



