Feedback, Verzerrung, Schweiß und dieses eigentümliche Gemisch aus Wut und Melancholie, das Anfang der 90er Jahre von Seattle aus die Musikwelt erschütterte: Shocking Elfriede übernahm am Samstagabend die BäderKultur im Alsfelder Erlenbad – und ließ es für gut zwei Stunden ordentlich scheppern.
Wo in den vergangenen Wochen gelesen, gelauscht, diskutiert, gewürdigt und entspannt worden war, verschwanden diesmal die Stühle. Der Raum wurde zum Club, die Fliesen zur Kulisse und der Rutschenturm zum stummen Zeugen einer musikalischen Zeitreise, die alles andere als museal geriet. Denn Shocking Elfriede spielen Grunge nicht wie ein nostalgisches Best-of-Programm. Sie spielen ihn so, wie er gedacht war: roh, dynamisch, kantig und mit jener kontrollierten Unsauberkeit, die dieser Musik überhaupt erst ihre Seele gibt.
Dass dabei Pearl Jam den deutlichsten roten Faden des Abends bildeten, war kaum zu überhören. Mit „Black“, „Alive“, „Daughter“, „Breath“, „Once“, „Even Flow“, „Given to Fly“ und „Rearviewmirror“ griff die Darmstädter Band tief in den Katalog der Seattle-Ikonen – von den frühen Stücken des Debütalbums Ten bis in spätere Phasen der Bandgeschichte. Mal hymnisch und weit, mal treibend, mal fast introvertiert: Gerade diese Songs machten deutlich, wie groß die dynamische Spannweite des Grunge eigentlich ist.
Doch Shocking Elfriede beließen es nicht bei Pearl Jam. Nirvana waren mit „Smells Like Teen Spirit“, „Come As You Are“, „Lithium“, „Heart-Shaped Box“ und „All Apologies“ vertreten – jener Mischung aus poppiger Eingängigkeit, verzerrtem Gitarrensound und emotionaler Sprengkraft, mit der Kurt Cobain und seine Band Anfang der 90er den Mainstream auf links drehten.
Dunkler, schwerer und beinahe bleiern wurde es bei Alice in Chains. „Man in the Box“, „Nutshell“ und „Would?“ brachten schleppende Grooves, schwere Riffs und jene eigentümliche Melancholie mit, die innerhalb des Genres immer eine ganz eigene Farbe hatte. Und mit „Plush“ und „Crackerman“ von den Stone Temple Pilots kam schließlich noch die kalifornische Variante des Alternative Rock hinzu: weniger Seattle, aber nicht weniger 90er.
Schon früh machte die Band deutlich, wohin die Reise ging: kein langes Herantasten, sondern Druck auf den Verstärkern, ordentlich Gain auf den Gitarren und eine Rhythmussektion, die das Ganze konsequent nach vorne schob. Karo und Jonas an den Gitarren bauten jene dichten, verzerrten Klangflächen auf, ohne die dieser Sound nur halb so dreckig wäre, während Clemens Molinarie am Bass für das notwendige Fundament sorgte.
Und hinten am Schlagzeug saß einer, für den dieser Abend mehr war als nur ein weiterer Gig: Hans-Peter „DeHääänz“ Müller. Der gebürtige Alsfelder, heute in Storndorf zu Hause und musikalisch längst im Rhein-Main-Gebiet unterwegs, absolvierte im Erlenbad ein Heimspiel der etwas anderen Art. Mit präzisem Punch, kräftigen Akzenten und dem nötigen Gespür für die Dynamik zwischen zurückgenommenen Strophen und explodierenden Refrains hielt er den Sound zusammen.
Vorne arbeitete sich Sänger Marco durch ein Repertoire, dessen berühmteste Stimmen zu den markantesten der Rockgeschichte gehören. Eddie Vedder, Kurt Cobain, Layne Staley, Scott Weiland – wer sich an dieses Material wagt, kann sich kaum hinter gefälligem Schönklang verstecken. Marco versuchte es gar nicht erst. Mal rau, mal drängend, mal zurückgenommen näherte er sich den Songs mit genügend Respekt vor den Originalen, ohne sie zur bloßen Kopie erstarren zu lassen.
Überhaupt lebte der Abend von den Kontrasten.
Da war die große, offene Geste von „Alive“, das nervöse Vorwärtstreiben von „Even Flow“, die schwebende Melancholie von „Black“ und die eruptive Wucht von „Smells Like Teen Spirit“. Auf der anderen Seite standen Stücke wie „Nutshell“, bei denen die Schwere nicht aus Lautstärke entsteht, sondern aus Reduktion, oder „All Apologies“, das zeigt, wie fragil diese Musik unter all den verzerrten Gitarren sein konnte.
Genau darin liegt bis heute ein Teil ihrer Faszination: Grunge war nie nur Krach, Flanellhemd und aufgedrehter Marshall. Seine Stärke lag immer im Wechselspiel zwischen Aggression und Verletzlichkeit, zwischen Lärm und Stille, zwischen großen Refrains und Momenten, die fast in sich zusammenzufallen scheinen.
Dass die Distanz zwischen Band und Publikum an diesem Abend gering war, zeigte sich besonders bei „Lithium“. Marco suchte die Nähe zu den Besuchern – und plötzlich wurde aus dem Konzert ein Gemeinschaftsmoment. Der Refrain kam nicht mehr nur aus den Lautsprechern, sondern lautstark aus vielen Kehlen zurück. Ein kurzer Moment, in dem die Grenze zwischen Bühne und Publikum praktisch verschwand.
Es war einer jener Augenblicke, die sich nicht ins Programm schreiben lassen.
Vielleicht funktionierte Shocking Elfriede gerade deshalb so gut. Weil hier nichts nach perfekter Rockarena aussah. Kein großer Bühnenapparat, kein Hochglanz, keine Distanz. Stattdessen Verstärker, Menschen und Songs, die ohnehin nie dafür gemacht waren, sauber an den Rändern zu sein.
Dass Shocking Elfriede ihren Schwerpunkt deutlich auf Pearl Jam legen, zahlte sich über den gesamten Abend aus. Gerade Stücke wie „Breath“, „Given to Fly“ oder „Rearviewmirror“ machten deutlich, dass hier nicht einfach nur die offensichtlichsten Genre-Hits abgearbeitet wurden. Die Band kannte das Material – und sie kannte auch dessen Zwischentöne.
Folgerichtig gehörte auch der Schlusspunkt wieder Pearl Jam. Mit „Jeremy“ verabschiedete sich Shocking Elfriede als Zugabe von ihrem Publikum – dunkel, dramatisch und mit jener Spannung, die den Song seit seinem Erscheinen trägt.
Nach gut zwei Stunden blieb damit vor allem eine Erkenntnis: Diese Musik funktioniert auch mehr als drei Jahrzehnte nach ihrer Hochphase noch. Nicht allein aus Nostalgie. Sondern weil der Wechsel zwischen leise und laut, zwischen fragilem Vers und brachialem Refrain noch immer unmittelbar wirkt.
Und weil ein verzerrter Akkord manchmal mehr erzählen kann als jede makellos polierte Produktion und leergepumptes Hallenbadbecken offenbar ein ziemlich guter Ort ist, um genau das herauszufinden.
Text / Fotos: Anja Kierblewski





